Die Geschichte eines Beaucerons

Sein Nest war in Frankreich, welchem Land er zugehört und von dort auch kam er zu uns nach Österreich in eine ganz normale Familie. Frauerl, Herrl, Kinder und eine Hundedame. Dort wuchs er auf und verbrachte er seine Kindheit.

Eines Tages aber änderte sich sein Schicksal und er kam in Einzelhand. Für wenige Monate konnte er dort verbleiben, aber dann traten Umstände ein, die seinen weiteren Verbleib dort auch nicht mehr ermöglichten. Ein Hundeschicksal, wie so oft! Wir mühten uns nach bestem Vermögen, neue Besitzer für den armen Kerl zu finden und eines Tages gelang dies auch. Der Klub knüpfte die Fäden zwischen Besitzer und neuem Interessenten und sie wurden handelseins.

So wechselte der Hund zum dritten Mal — wie wir hofften zum letzten Mal — seinen Platz. Das war am 31. Oktober 1971. Der Anfang verlief günstig, der Rüde zeigte sich ruhig, vielleicht ein wenig unsicher, — aber wen wundert das bei diesem Hundeschicksal. An die neue Hundedame, die mit dazu gehörte, schloss er sich an, wohl in Erinnerung an seine fröhliche Kindheit, in welcher es auch eine Hündin gegeben hatte. Die neuen Besitzer also hielten den Rüden und die Hündin an diesem 1. Tag für kurze Zeit im hoch eingezäunten Garten. Als sie nach kurzem Rundgang wiederkehrten, war der Rüde weg. Über einen Zaun aus festem Gitter von 170 cm Höhe geklettert; das aber ist natürlich für einen Beauceron durchaus kein Kunststück. Es wurde nun alarmiert, was man nur alarmieren kann, u. a. auch die Polizei und tatsächlich wurde der Rüde, wohnhaft am Bierhäuslberg in den späten Nachmittagsstunden in Nähe der Westautobahn aufgegriffen und von der Funkstreife den neuen Besitzern ins Haus gebracht. Erfreut über so viel Glück durfte der Hund im Schlafzimmer die Nacht verbringen. Die erste Nacht in seinem nunmehr vierten Hundedasein.

Am nächsten Morgen — Allerheiligen — ließ das neue Herrl den Rüden auch im Garten nicht aus dem Auge und begleitete selbst dort den Hund. Für einen kurzen Augenblick nahm er etwas aus seinem im Garten abgestellten Wagen, das aber genügte — der Hund stob über den Zaun und raste davon! Wieder dieselben Aktionen, Anrufe bei Polizei, im Tierschutzhaus, in der Tierkörperverwertung. Durchsagen im Radio. Auch wir im Klub versuchen, eine Durchsage in „Autofahrer unterwegs" zu erwirken — umsonst, diesmal blieb der Rüde verschwunden. Es verging ein Tag um den anderen und langsam schwand die Hoffnung, dass er lebend gefunden werden könne. Selbst wenn er zurückfände, wäre es unvorstellbar, wie er, speziell den Allerheiligenverkehr, lebend überstehen könnte.

Neuerliche Radiodurchsagen, neuerliche Suchaktion der beiden letzten Besitzer, immer wieder Nachfrage im Tierschutzhaus und bei der Polizei. Umsonst.

Am 6. November 1971, um ½ 2 Uhr nachts, hörte sein erstes Frauerl, zu dem er von Frankreich hierher kam, unter ihrem ebenerdigen Fenster ein Wimmern. Sie stürzt hin, geweckt auch von dem frenetischen Gebell der Hündin — und unten sitzt leibhaftig, zwar in erbärmlichem Zustand, aber lebend, der Beauceron.

Es ist für uns alle vorstellbar, was in einem solchen Augenblick des Wiederfindens in Hund und ehemaligem Frauerl vor sich geht. Der Rüde wurde hereingelassen, seine Pfoten waren alle vier blutig, er war bis auf die Rippen abgemagert; zu Tode erschöpft sank er nach der 1. Futtergabe auf seinen alten Platz und dort schlief er erst einmal einen ganzen Tag durch. Es dauerte Tage, bis der Rüde sich langsam von seinen Strapazen erholte, bis sein Körper sich wieder etwas rundete und sein Fell zu glänzen begann.

Uns alten fiel ein Stein vom Herzen und ich will gar nicht leugnen, dass mich das Schicksal dieses Hundes durch Tage bis in den Schlaf verfolgte. Nicht deshalb, weil es der einzige Beauceron in Österreich ist — weil er unserem Klub zugehört, nein — es war das Leid der Kreatur, das uns so sehr nahe ging. Die Erkenntnis der eigenen Ohnmacht, nichts tun zu können, als zu warten. Und die verbitternde und zornige Feststellung der Gleichgültigkeit der ach so tierliebenden Wiener! Der Rüde war also 6 Tage unterwegs vom Bierhäuslberg zum Laaerberg. Wer Wien kennt weiß, dass dies von einem Ende zum anderen ist. Es ist unmöglich, dass der Hund von niemand gesehen wurde. Hunde sind keine Nachtjäger wie Katzen, sie laufen tagsüber. Der Rüde wurde etliche Male in den Nachrichten als entlaufen gemeldet und als Dobermann ähnlich beschrieben. Und da soll ihn niemand in einer 2 Millionen-Stadt gesehen haben?! Trotz Anstrengung war es nicht möglich, auch nur eine einzige Wegstrecke des Rüden retrospektiv verfolgen zu können.

Ich beginne zu ahnen, dass einem bei näherer Besichtigung vor dem „Weana Gmüat" bald grausen wird müssen, das nur mehr vom Gedanken an Waschmaschine, Auto, Fernsehapparat und Tiefkühltruhe beherrscht wird!

Da die ganze „Geschichte" kein Märchen, sondern wahr ist, endet sie auch, wie das Leben sie eben schreibt. Beim ehemaligen Frauerl konnte der Rüde aus Gründen, die eben das Leben in der Realität vorschreibt, nicht bleiben. So kehrte er zu seinem letzten Besitzer zurück, dem er entwichen war. Dort wurde er liebevoll aufgenommen; in den Wochen nach seiner Rückkehr nicht aus den Augen gelassen. Der Rüde durfte weiterhin im Schlafzimmer schlafen, in der Früh fährt er mit dem Herrl in sein Geschäft. Der neue Besitzer versucht in Ruhe das Zutrauen des Rüden zu erringen und später einmal gewiss auch seine Liebe. Wir erkundigen uns regelmäßig nach dem Hund, was vom neuen Herrl gelassen hingenommen wird. Dafür sei ihm hier gedankt. Auch dem alten Frauerl danken wir für das aufopfernde Aufpäppeln von „Senas".

Neulich sahen wir Herrl und Hund über die Alserstraße wandern —fast möchte ich sagen: Hand in Hand. Das gegenseitige Vertrauensverhältnis ist offenkundig und so hoffe ich, dass hier das letzte Kapitel geschrieben wurde unter „Die Geschichte eines Beaucerons".

Inge Hauschka-Treuenfels

Ich möchte Christian Janes danken, dass er diese Geschichte für uns ausgegraben hat.
Danke Christian, die Tränenkanäle sind gereinigt und der Taschentuchverbrauch hat sich kurzzeitig erhöht!

Bericht aus einem UH-Beitrag des „Klub für grosse Hunderassen und Hütehunde“ 1972
Es handelte sich um den Beauceron „Senas de Mavourneen“